Reviews and Comments

Nils Müller liest

weltenkreuzer@tomes.tchncs.de

Joined 3 years, 4 months ago

This link opens in a pop-up window

Ken Follett: The Evening and the Morning (Paperback, VIKING (PENGUIN))

Fluffig zu Hören und unterhaltsam ohne besonderen Anspruch

Nachdem „Die Säulen der Erde“ zu meinen frühen erwachsenen Leseerfahrungen gehört, wollte ich mir jetzt endlich mal die mittlerweile erschienenen Pre- und Sequels vornehmen. Ken Follett Bücher sind einfach meist hervorragende intelligente Unterhaltung ohne zu großen Anspruch und damit bestens als Hörbuch-Begleitung zum Laufen, Haushalten und Pendelfahren geeignet.

Und genau so ist auch „Der Morgen einer neuen Zeit“: Es gibt einen Underdog, der sich im Laufe des Buches zum Helden entwickelt. Es gibt die Guten und die Bösen, die oft eher schematisch bleiben, aber spannend genug geschrieben sind, um mich interessiert zu halten. Und es gibt eine spannende Geschichte voller Aufs und Abs, spannenden Wendungen und manchmal auch bisschen viel unnötiger Gewalt.

Robin Hobb: Assassin's Quest (2023, Random House Worlds)

Spannender Abschluss mit fasziniernden Szenen aber unausgewogenem Pacing

Der dritte Band der ersten Farseer-Reihe setzt die Geschichte der ersten beiden Bände konsequent fort. Nun geht es jedoch weniger um die Politik und die Intrigen in der Hauptstadt der Six Duchies, Buckkeep, sondern um eine lange Reise, auf der Fitz nach seinem König sucht und auf die Hilfe der legendären Elderlings hofft.

Gefühlt entwickelt sich die Handlung dabei noch langsamer als bereits in den ersten beiden Bänden. Gerade im ersten Fünftel ist dies eine absolute Stärke des Romans, da Hobb ihn fesselnd aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive erzählt. Auch wenn im klassischen Sinne nicht viel „passiert“, schafft sie hier ein ganz besonderes Stück Charakterentwicklung für ihre Hauptfigur.

Ich kann mit Geschichten à la Road Movie üblicherweise nicht so viel anfangen. Daher fand ich die Reisepassagen dann doch des Öfteren etwas zu lang und zäh. Hobb schafft es aber immer wieder, auch hier spannende und bemerkenswerte Momente zu …

Ada Palmer: Inventing the Renaissance (Hardcover, 2025, Head of Zeus)

The Renaissance is one of the most studied and celebrated eras of history. Spanning the …

Ich habe noch gar nicht wirklich angefangen und ich liebe das neue Buch von @adapalmer@wandering.shop schon. Es ist einfach ein unglaubliche Kombination aus extremem fachlichem Wissen, gleichzeitig einer ganz ganz starken intellektuellen Fähigkeit zu Reflexion und Bescheidenheit und dann noch sprachlichem, schriftstellerischem Können, wie man es echt selten findet. Großartig.

Adrian Tchaikovsky: Elder Race (EBook, 2021, Tom Doherty Associates)

Lynesse is the lowly Fourth Daughter of the queen, and always getting in the way.

Science-Fantasy mal anders

Elder Race ist tatsächlich mein erstes Buch von Adrian Tchaikovsky - und warum zum Teufel habe ich so lange damit gewartet, mal etwas von ihm zu lesen? In dem eher kurzen Roman erzählt der Autor eine doppelte Geschichte: Da ist eine in Ungnade gefallene Prinzessin, die versucht, mit der Hilfe eines mysteriösen Magiers der "Elder Race" ein gefährliches Monster zu besiegen und so bei ihrer Familie Anerkennung zu finden. Dann ist da aber auch noch ein Anthropologe der Menschheit, der den Forschungsposten auf einer weit abseits gelegenen Kolonie betreut und schon seit Jahrzehnten den Kontakt zur Erde verloren hat.

So erzählt Tchaikovsky dieselbe Geschichte aus zwei Perspektiven, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und es trotz aller Versuche auch nicht schaffen, wirklich miteinander zu kommunizieren. Ein für mich bisher vollkommen unbekannter Take für das etablierte Genre der Science-Fantasy. Lesen.

Donella H. Meadows: Thinking in systems (Paperback, 2008, Chelsea)

Meadows’ Thinking in Systems, is a concise and crucial book offering insight for problem …

Grundlegend, heute aber nur noch Grundlagen

Das Buch, das zum ersten Mal Anfang der 1990er Jahre als Entwurf Beachtung fand und erst nach dem Tod der Autorin 2008 erstmalig offiziell veröffentlicht wurde, beschreibt die Grundlagen eines systemischen Denkens aus komplexen Zusammenhängen und Wechselwirkungen. Dabei fokussiert sich die Autorin in erster Linie auf die absoluten Grundlagen und beschreibt insbesondere die Funktionsweise von Regelsystemen mit mehreren In- und Outputs.

Für die "damalige Zeit" war das sicherlich in einigen Bereichen neu, aus heutiger Perspektive liest es sich jedoch sehr vereinfacht und ironischerweise unterkomplex. Mittlerweile ist das Denken über komplexe Systeme einfach bereits wesentlich weiter. Selbst mit Blick auf den Zeitpunkt seines Entstehens scheint mir dieses Buch ein Beispiel dafür zu sein, wie formale Wissenschaften wie Informatik oder VWL Phänomene entdecken, die informelleren Wissenschaften wie z.B. der Soziologie schon lange bekannt sind - und sie dann als Neuheit verkaufen. Als Transferleistung sicherlich zu würdigen, aber eben nicht als revolutionär …

Joseph O'Neill: Godwin (2024, Knopf Doubleday Publishing Group)

Fußball als Spiegel des modernen Lebens

Dem Klappentext nach ist "Godwin" von Joseph O'Neill ein Roman über das schmutzige Geschäft des Fußballs; vielleicht auch noch über Afrika, Europa und die Ausbeutung, die beide Kontinente seit Jahrhunderten verbindet. So war ich doch ein wenig überrascht, als die ersten 20 so absolut gar nichts mit Fußball zu tun haben und sich in erster Linie mit dem Management einer Kooperative von technischen Autor*innen befasst.

Auch danach geht es lange nicht um Fußball, sondern um komplizierte Familienbeziehungen, gewagte Geschäftsideen, Vertrauen und Betrug. Irgendwann taucht dann auch die Figur auf, die dem Roman ihren Namen gibt, aber der Fußball bleibt weiterhin mehr Thematisches Setting als tatsächlicher Treiber der Handlung.

Doch das macht überhaupt nichts, denn mit den beiden parallel laufenden und verwobenen Geschichten von Mark und Lakeesha zeichnet O'Neill ein fesselndes Panorama über genau die oben beschriebenen Themen. Es geht auch um Lebenspläne, Ernüchterung und Türen, die sich auftun, …

Andreas Eschbach: Die Abschaffung des Todes (Deutsch language, Lübbe)

Old School aber spannend und ideenreich

Mit "Die Abschaffung des Todes" schreibt Andreas Eschbach mal wieder einen seiner Techno-Thriller, in denen er eine spannende und reißerische Handlung nutzt, um technologische und philosophische Ideen vorzustellen. Dabei hat man in diesen Büchern von ihm immer das Gefühl, dass die Handlung zwar sehr gut konstruiert ist, aber im Kern nur dazu dient, die Hauptfigur von einem erklärenden Monolog zum nächsten zu geleiten und den Leser dabei nicht zu verlieren.

Die Balance zwischen diesen beiden Aspekten gelingt Eschbach mal mehr und mal weniger gut, dieses Buch ist jedoch mal wieder ein Positivbeispiel: Während seine Hauptfigur dem Geheimnis hinter einem neuen Tech-Start-up nachspürt, lernt sie genau wie die Lesenden eine Menge über das Funktionieren des Gehirns, die Philosophie des Geistes und die technologischen Möglichkeiten, Intelligenz abzubilden.

Das scheint mir im Kern souverän, aber auf das Bild des Gehirns als signalverarbeitendem „Computer“ beschränkt. Das passt natürlich, weil der Roman ja …

Christine Rosen: Extinction of Experience (2024, Norton & Company, Incorporated, W. W.)

Bleibt sehr unkonkret und einseitig kulturkritisch

Auch wenn die Autorin sich ein hehres Ziel setzt, die Rolle echter physischer Erfahrungen herauszuarbeiten, gelingt ihr das in diesem Buch leider nur sehr begrenzt. Das liegt in erster Linie daran, dass sie – wie so viele andere Arbeiten zu diesem Thema – einen harten Gegensatz zwischen der digitalen und der analogen Welt aufmacht. Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Welten, beziehungsweise ihr nahezu vollständiges Verschmelzen, sind nicht vorgesehen.

Gerade für Gruppen, die bislang nicht im Zentrum der Gesellschaft stehen oder die weniger privilegiert sind, sind eben die unmittelbar verfügbaren Erfahrungen nicht immer die besseren. Dieser Aspekt bleibt jedoch in ihrem Buch vollständig außen vor, das sich so in die lange Reihe einseitiger Kulturkritik einreiht – nicht, dass es an der einen oder anderen Stelle nicht auch valide Punkte ansprechen würde.

Sarah Brooks: Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland

Irgendwo zwischen Haruki Murakami und Jeff Vandermeer

Ich bin ja eigentlich nicht so der Freund von Büchern, die ihren Fokus darauf legen, eine „weirde“ Verfremdung unserer Welt vorzustellen. Jeff Vandermeers „The Southern Reach“-Reihe war mir zum Beispiel einfach zu fremd, ähnlich wie manche Romane China Mievilles. Gleichzeitig mag ich das leicht lakonisch-entrückte von Autoren wie Haruki Murakami.

Wie gut, dass „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ hier eine perfekte Balance schlägt. Im Gewand eines historischen Romans erzählt Sarah Brooks die Geschichte einer etwas anderen Transsibirischen Eisenbahn, die auf ihrem Weg von Peking nach Moskau ein Gebiet durchqueren muss, in dem sich Flora und Fauna ständig verändern und für uns Menschen gefährlich sind. Aber was ist eigentlich genau die Gefahr, die von diesem Gebiet ausgeht?

Ich habe den Roman als Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur gelesen. Als Metapher auf den Mensch, der die Natur nur dann mag, wenn sie ihm dient; …