Reviews and Comments

Nils Müller liest

weltenkreuzer@tomes.tchncs.de

Joined 3 years, 2 months ago

This link opens in a pop-up window

Ken Liu: The Veiled Throne (2021, Head of Zeus)

Epische Fantasy zwischen "Rach, der Restauranttester" und Terry Pratchett

Es kommt sehr, sehr, selten vor, dass ich mich innerhalb von einem Monat durch drei Bände einer Fantasy-Reihe grabe – wobei ich mich nicht erinnern kann, dass mir das überhaupt schon mal passiert ist. Wenn diese drei Bände zusammen dann aber auch noch rund 2500 Seiten haben, ist das Ganze noch überraschender.

Es muss also etwas Besonderes dran sein, an dieser „Dandelion Dynasty“ und, boy, ist die besonders. Nachdem die ersten beiden Bände auf jeweils sehr unterschiedliche Weise eine sehr komplexe und faszinierende, aber doch irgendwie „typische“ epische Fantasy-Geschichte erzählt haben, geht Band drei, The Veiled Throne, sehr eigene Wege: Von der Geschichte eines Kontinents, wenn nicht sogar einer ganzen Welt, hin zur Geschichte einzelner Figuren in dieser Welt.

Es beginnt noch mit einer gigantischen Schlacht, in der alle bekannten und neu entwickelten Waffen‑ und Strategie‑Register gezogen werden – und das sind einige, die man in einer …

Ken Liu: The Wall of Storms (The Dandelion Dynasty, #2) (2016)

Etwas andere Fantasy in klassischerem Gewand

Der zweite Band von Ken Lius „Dandelion Dynasty“-Reihe schließt unmittelbar an den ersten Band „Grace of Kings“. Entsprechend macht es keinen Sinn, hier die Handlung auch nur anreißen zu wollen, denn das würde unweigerlich das Ende des ersten Bandes spoilern. Über Themen, Erzählweise und Struktur kann ich aber natürlich eine Menge sagen.

Nachdem „Grace of Kings“ ein sehr hohes Erzähltempo hat und oft von Ort zu Ort und durch die Zeit springt, ist „The Wall of Storms“ deutlich klassischer, ja fast schon minimalistisch. Es erzählt eine geradlinige Geschichte aus zwei oder drei Perspektiven und streut die eine oder andere ausführliche Rückblende ein. So kommt man als Leser natürlich näher an die Figuren heran. Das lohnt sich auch, denn die Figuren sind nochmal wesentlich lebendiger, tiefgründiger und komplexer als im ersten Band.

Während die Struktur also ein wenig klassischer wird, setzt sich Liu bei den Themen deutlich von seinen …

Ken Liu: Grace of Kings (2015, Head of Zeus)

Nicht für jede*n, aber für mich

Ich bin lange um die Dandelion-Dynasty-Bücher von Ken Liu herumgeschlichen: Die Rezensionen gingen weit auseinander und ein erster Band mit mehr als 600 Seiten macht den Einstieg nicht gerade einfach. Doch, boy, bin ich froh, es dann jetzt doch gewagt zu haben, aber ich weiß jetzt auch, warum die Reihe die Gemüter so spaltet.

Die Geschichte ist erst mal nichts wirklich Besonderes: Ein Kaiser stirbt, sein Nachfolger ist schwach, und so beginnen die einzelnen Gebiete des Reichs nach Unabhängigkeit zu streben. Die Themen, die sich daraus ergeben, sind auch relativ offensichtlich: Loyalität, Macht, Vertrauen und die Frage nach dem „guten“ Regieren – wobei das vielleicht schon ein wenig vom Genrestandard abweicht.

Die Abweichung wird aber noch deutlicher bei Ken Lius Erzählweise, die sehr sachlich und fokussiert daherkommt. Er verzichtet nahezu komplett auf sprachliche Schnörkel oder weitschweifende Erklärungen. Es gibt auch keine langen introspektiven Phasen oder Charakterstudien. Stattdessen beschreibt …

Simon Jiménez: The Spear Cuts Through Water (Hardcover, 2022, Random House)

The people suffer under the centuries-long rule of the Moon Throne. The royal family—the despotic …

Vielschichtig, komplex und faszinierend, aber mit Längen

Es ist schwer, über "The Spear Cuts Through Water" eine kurze Rezension zu schreiben. Es gibt zu viele Ebenen, auf denen man über den Roman Interessantes sagen könnte: die spannende Fantasy-Geschichte in einer faszinierenden und gleichzeitig irgendwie unwirklich erscheinenden Welt, das Verschwimmen unterschiedlicher Erzählebenen zwischen zeitgenössischem Roman, magischem Realismus und klassischerer Fantasy, die verschiedenen thematischen Stränge um Familie, Schicksal und Tradition, aber auch um Macht und Kontrolle oder die Endfremdung von Mensch und Kultur. Dann ist da auch noch die äußerst spannende Erzählweise, in der der Autor immer wieder kurze Gedankengänge einzelner Nebenfiguren mitten in den Text schreibt und das die Welt dichter und komplexer erscheinen lässt, als sie es auf den zweiten Blick wirklich ist.

Also ein rundum faszinierender Roman, dessen Geschichte die eine oder andere Länge hat und den ich auch nicht immer wirklich en détail verstanden habe, der aber lange in mir nachhallt…

reviewed Marlow by Volker Kutscher (Gereon Rath, #7)

Volker Kutscher: Marlow (Hardcover, 2018, Piper, Piper Verlag GmbH)

Formulaisch aber kompetent und spannend

"Marlow" ist der siebte Roman aus Volker Kutschers historischer Krimi-Reihe über den Ermittler Gereon Rath. Als solcher ist er die siebte konsequente Anwendung derselben Formel: Gereon Rath stolpert in einen Fall, trägt bald ein Geheimnis mit sich, in das er weder seine Kollegen noch seine Frau einweihen kann, es tauchen Figuren aus vorherigen Romanen auf, am Ende geht es - mehr oder weniger - gut aus, ein Twist für den nächsten Roman ist aber schon angelegt.

Das ist nicht sonderlich überraschend, aber ein wenig, als schlüpfe man in eine alte, bequeme Jogging-Hose. Die Überraschungen sind nicht fundamental, schaffen es aber immer wieder, mich neugierig zu machen, wie es weitergeht. Die Personen kenne ich auch bereits, sie verändern sich aber im Laufe der Zeit und die Zeit, nun ja, es passieren die Dinge, von denen man wünschte, sie würden sich gerade nicht wieder anbahnen ...

Ada Palmer: Perhaps the Stars (Hardcover, 2021, Head of Zeus)

World Peace turns into global civil war.

In the future, the leaders of Hive …

Das Ende der Terra Ignota

Nach rund 85 Stunden Hörbuch auf mehreren Hundert Jogging-Kilometern quer durch Dortmund habe ich meinen Re-„Read“ der Terra Ignota-Reihe abgeschlossen – logischerweise als Hörbuch und nicht mit dem Kindle vor der Nase. Ich bin üblicherweise nicht so der ganz große Freund von englischsprachigen Hörbüchern, da sie mir für „nebenbei“ zu viel aktives Zuhören erfordern. Doch für die großartig inszenierte GraphicAudio-Version dieser faszinierenden Reihe habe ich dann doch eine Ausnahme gemacht. Dafür konnte ich die dann halt nicht beim Haushalten hören, sondern „nur“ auf dem wöchentlichen Pendelweg und mit Laufschuhen an den Füßen.

Die Reihe erzählt die Geschichte der Menschheit im 25. Jahrhundert, die mehrere Jahrhunderte des Friedens hinter sich hat. In der bestehenden Ordnung zeigen sich jetzt aber die ersten Risse. In den ersten beiden Bänden kommen immer mehr Geheimnisse, Intrigen und unüberbrückbare Differenzen ans Licht, bis die Welt vor dem Abgrund eines neuen Krieges steht. Die Anspannung von …

Adrian Tchaikovsky: Shroud (2025, Tor)

Fremde auf einer fremden Welt

In Sachen Adrian Tchaikovsky bin ich ja ein wenig ein Spätzünder, aber es heißt ja nicht zu Unrecht: „Besser spät als nie“. Und von den drei Büchern, die ich von ihm bisher gelesen habe, war jedes auf seine eigene Art besonders und irgendwo zwischen sehr gut und hervorragend.

Jetzt also eines seiner neueren Werke – Shroud. Irgendwo in der Tiefe des Weltalls hat die hyper-kapitalistische Menschheit ein neues Sonnensystem gefunden, das sie ausbeuten kann. Auf einem Mond entdecken die Forscher*innen dabei Leben und machen sich daran, dieses zu untersuchen. Doch es passieren Dinge und so stranden schließlich zwei von ihnen in einer notdürftig zusammengeflickten Erkundungskapsel auf dem Mond. Um wieder nach Hause zu kommen, müssen sie sich durch eine unwirtliche Landschaft schlagen und lernen, mit den Bewohnern zu interagieren.

Der extrem vielfältige Adrian Tchaikovsky nimmt uns diesmal also in eine vollkommen fremde Welt mit und es gelingt ihm …

reviewed The Tainted Cup by Robert Jackson Bennett (Shadow of the Leviathan, #1)

Robert Jackson Bennett: The Tainted Cup (EBook, 2024, Random House Worlds)

In Daretana’s greatest mansion, a high imperial officer lies dead—killed, to all appearances, when a …

Ein Mord als Ausrede, eine faszinierende Welt zu entdecken

Detektivgeschichten bieten immer eine besonders gute Möglichkeit, einen Einblick in eine fremde Welt zu gewinnen. Für historische Romane ist dieses Subgenre fest etabliert, in der Fantasy sieht man es nicht ganz so häufig. „A Tainted Cup“ von Robert Jackson Bennett ist ein wunderbares Beispiel, wie wir als Leser*innen uns eine Welt durch die Augen und Gedanken von Ermittlern erschließen können.

Nur ist dies in einer Fantasy-Welt noch wichtiger als in unserer „realen“, und so spielt Jackson Bennett geschickt damit, Details über die Welt erst dann zu enthüllen, wenn sie für den konkreten Fall relevant werden. So gibt es neben der Krimi-Handlung immer mehr kleine Details und große Zusammenhänge über diese wirklich spannende Welt zu entdecken – und der Weltenbau war ja schon immer Robert Jackson Bennetts besondere Stärke, die er auch hier wieder perfekt ausspielt.

Andrew Boyd: I Want a Better Catastrophe (Paperback, 2023, New Society Publishers, Limited)

An existential manual for tragic optimists, can-do pessimists, and compassionate doomers

With global heating …

Realistischer Blick in eine dunkle Zukunft

Eine Gute-Laune-Lektüre ist „I Want a Better Catastrophe“ von Andrew Boyd mit Sicherheit nicht. Es ist nicht einmal ein „Wir schaffen das, wenn wir uns anstrengen!“. Es ist ein „Es wird dunkel werden, sehr dunkel. Wenn wir uns anstrengen, haben wir aber zumindest Kerzenlicht.“

Am Anfang des Buchs stellt sich Boyd der unvermeidlichen Realität, die die Klimakatastrophe in den nächsten Jahrzehnten bedeuten wird: große Teile der Erde werden unbewohnbar werden, die Zivilisation, die wir heute kennen, wird sich nicht länger halten können und wir werden unermessliches Leid erleben. Wie, fragt sich Boyd, lässt sich da noch ein Sinn im Leben finden.

So interviewt er unterschiedliche Menschen, die sich zu genau dieser Frage Gedanken gemacht haben, und reflektiert diese Gespräche für sich. Mich als Leser hat er damit tief … beeindruckt(?), getroffen (?), ja, verunsichert. Denn die Fragen sind ernst und wir als Gesellschaft tun alles, diese Realität zu …

Joe Abercrombie: The Devils No rating

Hat für mich leider nicht gezündet, daher nach 25% abgebrochen

No rating

Während ich ein großer Fan von Abercrombie’s Trilogie Age of Madness war, hat mich The Devils leider so überhaupt nicht abgeholt, sodass ich es nach rund einem Viertel abgebrochen habe: Das Setting in einem alternativen Europa, in dem Mythenwesen real sind und in dem die katholische Kirche mit allen Mitteln danach strebt, ihre Vorherrschaft zu sichern, fand ich faszinierend.

Leider schafft es Abercrombie auf keiner der drei Ebenen, die für mich relevant sind, eine spannende Geschichte zu entwickeln: weder interessiert mich das Schicksal der Hauptfiguren so wirklich, noch schafft er es, die Welt wirklich greifbar und komplex werden zu lassen oder zumindest eine fesselnde Handlung zu entwickeln. Auch seine Versuche, einen Erzählstil zwischen Mengen an Fäkalien und feinem Sprachwitz à la Terry Pratchett zu entwickeln, zündet bei mir nicht so wirklich – auch wenn ich ab und an schon auflachen musste.

Schade …

Ken Follett: The Evening and the Morning (Paperback, VIKING (PENGUIN))

Fluffig zu Hören und unterhaltsam ohne besonderen Anspruch

Nachdem „Die Säulen der Erde“ zu meinen frühen erwachsenen Leseerfahrungen gehört, wollte ich mir jetzt endlich mal die mittlerweile erschienenen Pre- und Sequels vornehmen. Ken Follett Bücher sind einfach meist hervorragende intelligente Unterhaltung ohne zu großen Anspruch und damit bestens als Hörbuch-Begleitung zum Laufen, Haushalten und Pendelfahren geeignet.

Und genau so ist auch „Der Morgen einer neuen Zeit“: Es gibt einen Underdog, der sich im Laufe des Buches zum Helden entwickelt. Es gibt die Guten und die Bösen, die oft eher schematisch bleiben, aber spannend genug geschrieben sind, um mich interessiert zu halten. Und es gibt eine spannende Geschichte voller Aufs und Abs, spannenden Wendungen und manchmal auch bisschen viel unnötiger Gewalt.

Robin Hobb: Assassin's Quest (2023, Random House Worlds)

Spannender Abschluss mit fasziniernden Szenen aber unausgewogenem Pacing

Der dritte Band der ersten Farseer-Reihe setzt die Geschichte der ersten beiden Bände konsequent fort. Nun geht es jedoch weniger um die Politik und die Intrigen in der Hauptstadt der Six Duchies, Buckkeep, sondern um eine lange Reise, auf der Fitz nach seinem König sucht und auf die Hilfe der legendären Elderlings hofft.

Gefühlt entwickelt sich die Handlung dabei noch langsamer als bereits in den ersten beiden Bänden. Gerade im ersten Fünftel ist dies eine absolute Stärke des Romans, da Hobb ihn fesselnd aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive erzählt. Auch wenn im klassischen Sinne nicht viel „passiert“, schafft sie hier ein ganz besonderes Stück Charakterentwicklung für ihre Hauptfigur.

Ich kann mit Geschichten à la Road Movie üblicherweise nicht so viel anfangen. Daher fand ich die Reisepassagen dann doch des Öfteren etwas zu lang und zäh. Hobb schafft es aber immer wieder, auch hier spannende und bemerkenswerte Momente zu …