
Situation und Konstellation : vom Verschwinden des Spielraums by Hartmut Rosa
Die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, der Schiri, dessen Augenmaß …
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Die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, der Schiri, dessen Augenmaß …
Elefanten. Über Nacht. Mitten in Berlin. Dann eine Nachricht aus Botswana: Der Präsident freue sich, dass Deutschland mit seinen Gesetzen die Elefanten in seinem Land schützen wolle. Diese Aufgabe überfordere sein Land jedoch mehr und mehr, und so habe Deutschland doch bestimmt nichts dagegen, sich um rund 20.000 dieser Tiere zu kümmern. Für den Bundeskanzler beginnt das Jahr vor den Wahlen mit einer ganz besonderen Herausforderung – getrieben von der rechtspopulistischen Opposition.
Gaea Schoeters Roman Das Geschenk ist eher kurz, birgt aber eine Menge Diskussionsstoff, da sie gleich drei brisante und eng miteinander verwobene Themen anspricht: – die paternalistische Politik des globalen Nordens, der seine Interessen ohne Rücksicht auf die Realität des globalen Südens durchsetzt, – die unvermeidlichen Veränderungen, die uns durch die Klimakatastrophe bevorstehen, und schließlich – die dadurch verschärfte und ausgelöste Migration aus dem Süden in den Norden.
Dabei nutzt Schoeters sehr geschickt die inneren Widersprüchlichkeiten …
Elefanten. Über Nacht. Mitten in Berlin. Dann eine Nachricht aus Botswana: Der Präsident freue sich, dass Deutschland mit seinen Gesetzen die Elefanten in seinem Land schützen wolle. Diese Aufgabe überfordere sein Land jedoch mehr und mehr, und so habe Deutschland doch bestimmt nichts dagegen, sich um rund 20.000 dieser Tiere zu kümmern. Für den Bundeskanzler beginnt das Jahr vor den Wahlen mit einer ganz besonderen Herausforderung – getrieben von der rechtspopulistischen Opposition.
Gaea Schoeters Roman Das Geschenk ist eher kurz, birgt aber eine Menge Diskussionsstoff, da sie gleich drei brisante und eng miteinander verwobene Themen anspricht: – die paternalistische Politik des globalen Nordens, der seine Interessen ohne Rücksicht auf die Realität des globalen Südens durchsetzt, – die unvermeidlichen Veränderungen, die uns durch die Klimakatastrophe bevorstehen, und schließlich – die dadurch verschärfte und ausgelöste Migration aus dem Süden in den Norden.
Dabei nutzt Schoeters sehr geschickt die inneren Widersprüchlichkeiten unserer Politik und Gesellschaft aus, um uns selbst den Spiegel vorzuhalten: Solange andere die Drecksarbeit machen, setzen wir uns für den absoluten Schutz der Tiere ein. Wenn wir selbst deren Verpflegung und die Entsorgung der Fäkalien organisieren müssen, sieht das schon anders aus. Erst die Hoffnung auf ökonomischen Gewinn kann die Situation entspannen, denn der Kapitalismus war uns schon immer wichtiger als der Schutz der Natur.
Schroeters überträgt hier gleichzeitig die Dynamiken der öffentlichen Diskussion über Migration in Deutschland auf das „Problem“ des Klimaschutzes. Ich bin immer wieder darüber gestolpert, dass sie Tiere als Metapher für geflüchtete Menschen nutzt. Letztlich wird aber erst dadurch die oben bereits skizzierte Widersprüchlichkeit deutlich: Genau wie bei den Tieren waren großen Teilen der deutschen Gesellschaft die ökonomischen und anderweitigen Kosten für die Unterbringung und Versorgung der Geflüchteten wichtiger als die eigentlichen Werte, die wir groß vor uns hertragen.
Ein kurzer, aber fesselnder Roman, der mich mehr zum Nachdenken gebracht hat, als so mancher Sachbuch-Wälzer.
Auf den ersten Blick ist "Der Gott des Waldes" von Liz Moore ein relativ klassischer Thriller: Aus einem Feriencamp verschwindet die Tochter der Besitzer des Camps – ebenso wie ihr Bruder etliche Jahre zuvor. Was folgt, ist eine Suche nach Spuren und Hintergründen, die verwinkelte Wendungen nimmt und das eine oder andere Geheimnis aufwühlt.
Doch diese Thriller-Handlung ist nicht rasant und fesselnd, sondern fühlt sich erstaunlich „entspannt“ an. Liz Moore nimmt sich nämlich Zeit: Zeit, ihre Figuren vorzustellen, deren Geschichte, deren Hoffnungen, deren Ängste. Sie springt zwischen Zeitebenen, in denen sie diese Geschichten erzählt, der Geschichte des Bruders und der „Gegenwart“ der 1970er Jahre hin und her und schafft so ein Kaleidoskop an Eindrücken, in dem sich nach und nach das eigentliche Thema des Romans abzeichnet.
Unter der Oberfläche dieses Thrillers wird ein grundlegender Konflikt ausgetragen – der zwischen Arm und Reich. Dabei liegen alle Vorteile auf der …
Auf den ersten Blick ist "Der Gott des Waldes" von Liz Moore ein relativ klassischer Thriller: Aus einem Feriencamp verschwindet die Tochter der Besitzer des Camps – ebenso wie ihr Bruder etliche Jahre zuvor. Was folgt, ist eine Suche nach Spuren und Hintergründen, die verwinkelte Wendungen nimmt und das eine oder andere Geheimnis aufwühlt.
Doch diese Thriller-Handlung ist nicht rasant und fesselnd, sondern fühlt sich erstaunlich „entspannt“ an. Liz Moore nimmt sich nämlich Zeit: Zeit, ihre Figuren vorzustellen, deren Geschichte, deren Hoffnungen, deren Ängste. Sie springt zwischen Zeitebenen, in denen sie diese Geschichten erzählt, der Geschichte des Bruders und der „Gegenwart“ der 1970er Jahre hin und her und schafft so ein Kaleidoskop an Eindrücken, in dem sich nach und nach das eigentliche Thema des Romans abzeichnet.
Unter der Oberfläche dieses Thrillers wird ein grundlegender Konflikt ausgetragen – der zwischen Arm und Reich. Dabei liegen alle Vorteile auf der Seite der Reichen, die letztlich machen können, was sie wollen, da die Armen immer als Sündenböcke vorgeführt werden können und den eigentlichen Preis bezahlen.
Ein gesellschaftlich hochrelevanter Roman, dessen in Teilen sehr präzise Diagnose unserer Gesellschaft gut tut. Gleichzeitig bleibt das eigentliche Thema bei all seiner Brisanz doch ein wenig blass …

The God of the Woods is a novel by Liz Moore published in 2024.
Das war es nun also: 4 Bände in rund zwei Monaten – fast 4000 Seiten. Es muss schon etwas heißen, wenn ich in diesem Tempo durch eine Buchreihe jage. Die ersten drei Bücher habe ich hier ja auch schon rezensiert und ich muss sagen, Liu liefert auch im vierten und letzten Band seiner Silkpunk-Reihe einfach sagenhaft ab.
Das Buch schließt in der Geschichte nahtlos an den dritten Band "The Veiled Throne" an. Es gibt neue Drehungen und Wendungen, von denen ich hier aber nichts schreiben kann, um die ersten drei Bände nicht zu spoilern. Während der erste Band im Kern die Vorgeschichte der eigentlichen Handlung erzählt, Band zwei uns weiter in die Welt hineinzieht und den eigentlichen Konflikt anlegt, spielen die Bände drei und vier virtuos auf dem bereiteten Spielfeld.
Während der dritte Band sich thematisch in großen Teilen um den Krieg als Thema dreht, nimmt der vierte …
Das war es nun also: 4 Bände in rund zwei Monaten – fast 4000 Seiten. Es muss schon etwas heißen, wenn ich in diesem Tempo durch eine Buchreihe jage. Die ersten drei Bücher habe ich hier ja auch schon rezensiert und ich muss sagen, Liu liefert auch im vierten und letzten Band seiner Silkpunk-Reihe einfach sagenhaft ab.
Das Buch schließt in der Geschichte nahtlos an den dritten Band "The Veiled Throne" an. Es gibt neue Drehungen und Wendungen, von denen ich hier aber nichts schreiben kann, um die ersten drei Bände nicht zu spoilern. Während der erste Band im Kern die Vorgeschichte der eigentlichen Handlung erzählt, Band zwei uns weiter in die Welt hineinzieht und den eigentlichen Konflikt anlegt, spielen die Bände drei und vier virtuos auf dem bereiteten Spielfeld.
Während der dritte Band sich thematisch in großen Teilen um den Krieg als Thema dreht, nimmt der vierte etwas stärker den Aufbau einer stabilen Gesellschaft in unsicheren Zeiten in den Blick. Es gibt aber natürlich auch wieder große Schlachten und eindrucksvolle Kämpfe mit faszinierenden technischen Erfindungen in dieser asiatischen Version des Steampunk. Dabei habe ich mich nicht nur einmal massiv an die geniale Szene mit dem menschlichen Computer in Cixin Lius Roman „The Three-Body Problem“ erinnert, der ja von Ken Liu ins Englische übersetzt wurde.
"Speaking Bones" ist also ein mehr als würdiger Abschluss – zwar mit der einen oder anderen kleineren Länge – aber wer geglaubt hat, Liu würden nach mehr als 3000 Seiten die Ideen ausgehen, der hat sich massiv getäuscht.

The conclusion to Ken Liu's chronicle of the Dandelion Dynasty – one of the Greatest Fantasy Series of all Time …
Es kommt sehr, sehr, selten vor, dass ich mich innerhalb von einem Monat durch drei Bände einer Fantasy-Reihe grabe – wobei ich mich nicht erinnern kann, dass mir das überhaupt schon mal passiert ist. Wenn diese drei Bände zusammen dann aber auch noch rund 2500 Seiten haben, ist das Ganze noch überraschender.
Es muss also etwas Besonderes dran sein, an dieser „Dandelion Dynasty“ und, boy, ist die besonders. Nachdem die ersten beiden Bände auf jeweils sehr unterschiedliche Weise eine sehr komplexe und faszinierende, aber doch irgendwie „typische“ epische Fantasy-Geschichte erzählt haben, geht Band drei, The Veiled Throne, sehr eigene Wege: Von der Geschichte eines Kontinents, wenn nicht sogar einer ganzen Welt, hin zur Geschichte einzelner Figuren in dieser Welt.
Es beginnt noch mit einer gigantischen Schlacht, in der alle bekannten und neu entwickelten Waffen‑ und Strategie‑Register gezogen werden – und das sind einige, die man in einer …
Es kommt sehr, sehr, selten vor, dass ich mich innerhalb von einem Monat durch drei Bände einer Fantasy-Reihe grabe – wobei ich mich nicht erinnern kann, dass mir das überhaupt schon mal passiert ist. Wenn diese drei Bände zusammen dann aber auch noch rund 2500 Seiten haben, ist das Ganze noch überraschender.
Es muss also etwas Besonderes dran sein, an dieser „Dandelion Dynasty“ und, boy, ist die besonders. Nachdem die ersten beiden Bände auf jeweils sehr unterschiedliche Weise eine sehr komplexe und faszinierende, aber doch irgendwie „typische“ epische Fantasy-Geschichte erzählt haben, geht Band drei, The Veiled Throne, sehr eigene Wege: Von der Geschichte eines Kontinents, wenn nicht sogar einer ganzen Welt, hin zur Geschichte einzelner Figuren in dieser Welt.
Es beginnt noch mit einer gigantischen Schlacht, in der alle bekannten und neu entwickelten Waffen‑ und Strategie‑Register gezogen werden – und das sind einige, die man in einer klassischen Fantasywelt so nicht erwartet. Aber wir sind hier ja nicht in einer europäisch inspirierten Welt, sondern in einer chinesischen. Und da gab es schon im 10. Jahrhundert eine Eisenproduktion, wie sie Europa erst im 17. Jahrhundert erreicht hat.
Überhaupt merkt man an allen Ecken und Enden dieser faszinierenden Welt, dass Ken Liu sich von der Geschichte Chinas hat inspirieren lassen – angefangen von den zentralen Prüfungen für Beamte über die kontinuierliche Zersplitterung und Neuzusammensetzung des großen Reichs bis hin zur großen Bedrohung durch Nomadenvölker. Alles klar der chinesischen Geschichte entlehnt, aber für die westliche Fantasy vollkommen anschlussfähig.
Aber zurück zur Geschichte: Nach der großen Schlacht wird es ein bisschen kleiner und es gibt Intrigen, Familienfehden und Rebellion, wie wir sie aus den ersten beiden Bänden schon kennen. Dann aber kommt ein Bruch, und das Buch nimmt eine etwas überraschende Wendung: Von der großen Weltgeschichte wechseln wir in eine einzelne Stadt und erleben einen Wettstreit zweier Restaurants. Über mehrere hundert Seiten wirkt der Roman phasenweise wie die Nacherzählung einer Episode „Rach, der Restauranttester“ durch Terry Pratchett und macht dabei eine Menge Spaß.
Am Ende schließt sich dann natürlich wieder der Bogen zur übergreifenden Geschichte, dieser bleibt jedoch vorerst eher lose und dürfte im vierten und letzten Band dann erst wieder richtig aufgegriffen werden.
Auch thematisch ist The Veiled Throne ein absolutes Fest: Die wissenschaftlichen Entdeckungen, technischen Erfindungen und strategischen Überlegungen machen einfach Spaß. Nachdenklich hingegen wird es, wenn es um Identität geht, um die Geschichten, die wir uns selbst und anderen erzählen, und um die Frage, wo im Krieg eigentlich die Guten sind. Dabei schafft es Liu hervorragend, Handlung mit philosophischen Reflexionen zu verknüpfen und jeder Figur ein komplexes und widersprüchliches Innenleben zu verpassen.
Ihr merkt vermutlich, auch "The Veiled Throne" hat mich wieder absolut gefesselt und macht "Dandelion Dynasty" zum Anwärter auf eine der besten epischen Fantasy-Reihen, die ich bisher gelesen habe. Nach ein paar Tagen Pause und ein, zwei Perry-Rhodan-Heften zur mentalen Erholung werde ich mich dann wohl auch ziemlich bald dem vierten und letzten Band der Reihe – "Speaking Bones" – widmen.
Der zweite Band von Ken Lius „Dandelion Dynasty“-Reihe schließt unmittelbar an den ersten Band „Grace of Kings“. Entsprechend macht es keinen Sinn, hier die Handlung auch nur anreißen zu wollen, denn das würde unweigerlich das Ende des ersten Bandes spoilern. Über Themen, Erzählweise und Struktur kann ich aber natürlich eine Menge sagen.
Nachdem „Grace of Kings“ ein sehr hohes Erzähltempo hat und oft von Ort zu Ort und durch die Zeit springt, ist „The Wall of Storms“ deutlich klassischer, ja fast schon minimalistisch. Es erzählt eine geradlinige Geschichte aus zwei oder drei Perspektiven und streut die eine oder andere ausführliche Rückblende ein. So kommt man als Leser natürlich näher an die Figuren heran. Das lohnt sich auch, denn die Figuren sind nochmal wesentlich lebendiger, tiefgründiger und komplexer als im ersten Band.
Während die Struktur also ein wenig klassischer wird, setzt sich Liu bei den Themen deutlich von seinen …
Der zweite Band von Ken Lius „Dandelion Dynasty“-Reihe schließt unmittelbar an den ersten Band „Grace of Kings“. Entsprechend macht es keinen Sinn, hier die Handlung auch nur anreißen zu wollen, denn das würde unweigerlich das Ende des ersten Bandes spoilern. Über Themen, Erzählweise und Struktur kann ich aber natürlich eine Menge sagen.
Nachdem „Grace of Kings“ ein sehr hohes Erzähltempo hat und oft von Ort zu Ort und durch die Zeit springt, ist „The Wall of Storms“ deutlich klassischer, ja fast schon minimalistisch. Es erzählt eine geradlinige Geschichte aus zwei oder drei Perspektiven und streut die eine oder andere ausführliche Rückblende ein. So kommt man als Leser natürlich näher an die Figuren heran. Das lohnt sich auch, denn die Figuren sind nochmal wesentlich lebendiger, tiefgründiger und komplexer als im ersten Band.
Während die Struktur also ein wenig klassischer wird, setzt sich Liu bei den Themen deutlich von seinen Genre-Kolleg*innen ab. Es geht zwar weiter auch um Macht, Loyalität und Herrschaft, aber hier setzt Liu schon seinen ersten Twist an: Diesmal geht es ganz explizit um den Versuch, ein gerade „befreites“ Land tatsächlich fair und gerecht zu regieren. Das ist mit all den bestehenden Strukturen nämlich gar nicht so einfach.
Dann gibt Liu aber auch noch einen Einblick in die vier dominierenden philosophischen Schulen des Kontinents, die natürlich von philosophischen System auf der Erde inspiriert sind. Es ist aber sehr spannend, sie hier mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Im weiteren Verlauf verschiebt sich das Thema dann auf die naturwissenschaftliche Forschung und insbesondere die Erforschung fremdartiger und die Entwicklung eigener neuer Waffen. Dazu kommen schließlich auch Fragen der militärischen und der diplomatischen Strategie. Das sind Themen, die man in dieser Form in der Fantasy selten findet.
„The Wall of Storms“ ist also durchaus anders als der erste Band der Reihe, aber mindestens genauso gut. Auch wenn es diesmal 800 Seiten waren und die nächsten Bände noch länger sind, werde ich mir die definitiv bald zu Gemüte führen.
Ich bin lange um die Dandelion-Dynasty-Bücher von Ken Liu herumgeschlichen: Die Rezensionen gingen weit auseinander und ein erster Band mit mehr als 600 Seiten macht den Einstieg nicht gerade einfach. Doch, boy, bin ich froh, es dann jetzt doch gewagt zu haben, aber ich weiß jetzt auch, warum die Reihe die Gemüter so spaltet.
Die Geschichte ist erst mal nichts wirklich Besonderes: Ein Kaiser stirbt, sein Nachfolger ist schwach, und so beginnen die einzelnen Gebiete des Reichs nach Unabhängigkeit zu streben. Die Themen, die sich daraus ergeben, sind auch relativ offensichtlich: Loyalität, Macht, Vertrauen und die Frage nach dem „guten“ Regieren – wobei das vielleicht schon ein wenig vom Genrestandard abweicht.
Die Abweichung wird aber noch deutlicher bei Ken Lius Erzählweise, die sehr sachlich und fokussiert daherkommt. Er verzichtet nahezu komplett auf sprachliche Schnörkel oder weitschweifende Erklärungen. Es gibt auch keine langen introspektiven Phasen oder Charakterstudien. Stattdessen beschreibt …
Ich bin lange um die Dandelion-Dynasty-Bücher von Ken Liu herumgeschlichen: Die Rezensionen gingen weit auseinander und ein erster Band mit mehr als 600 Seiten macht den Einstieg nicht gerade einfach. Doch, boy, bin ich froh, es dann jetzt doch gewagt zu haben, aber ich weiß jetzt auch, warum die Reihe die Gemüter so spaltet.
Die Geschichte ist erst mal nichts wirklich Besonderes: Ein Kaiser stirbt, sein Nachfolger ist schwach, und so beginnen die einzelnen Gebiete des Reichs nach Unabhängigkeit zu streben. Die Themen, die sich daraus ergeben, sind auch relativ offensichtlich: Loyalität, Macht, Vertrauen und die Frage nach dem „guten“ Regieren – wobei das vielleicht schon ein wenig vom Genrestandard abweicht.
Die Abweichung wird aber noch deutlicher bei Ken Lius Erzählweise, die sehr sachlich und fokussiert daherkommt. Er verzichtet nahezu komplett auf sprachliche Schnörkel oder weitschweifende Erklärungen. Es gibt auch keine langen introspektiven Phasen oder Charakterstudien. Stattdessen beschreibt er auf 10 Seiten ein wichtiges Ereignis und macht dann einen Sprung in Zeit und/oder Raum, um den nächsten historischen Moment zu beobachten.
Entgegen dem Fantasy-Trend schaut er dabei nicht auf den „kleinen Mann“ oder in den Mikrokosmos einer Stadt. Stattdessen behält er die historische Entwicklung im Blick. Dadurch kann er auf 600 Seiten eine epische und hochkomplexe Geschichte des Kontinents erzählen. Dabei schafft er es aber trotzdem, die zentralen Figuren nuanciert zu beschreiben und ihre inneren wie äußeren Konflikte spannend zu schildern.
Wer blumigen, ausschweifenden Eskapismus in einer romantisierten Mittelalter-Fantasy sucht, ist hier ebenso falsch wie Fans emotionalisierter und emotionalisierender Geschichten. Das Buch ist aber wie gemacht für Leserinnen, die die Geschichte eines Kontinents verfolgen und deren zentrale Protagonistinnen kennen- und verstehen lernen möchten.
Es ist schwer, über "The Spear Cuts Through Water" eine kurze Rezension zu schreiben. Es gibt zu viele Ebenen, auf denen man über den Roman Interessantes sagen könnte: die spannende Fantasy-Geschichte in einer faszinierenden und gleichzeitig irgendwie unwirklich erscheinenden Welt, das Verschwimmen unterschiedlicher Erzählebenen zwischen zeitgenössischem Roman, magischem Realismus und klassischerer Fantasy, die verschiedenen thematischen Stränge um Familie, Schicksal und Tradition, aber auch um Macht und Kontrolle oder die Endfremdung von Mensch und Kultur. Dann ist da auch noch die äußerst spannende Erzählweise, in der der Autor immer wieder kurze Gedankengänge einzelner Nebenfiguren mitten in den Text schreibt und das die Welt dichter und komplexer erscheinen lässt, als sie es auf den zweiten Blick wirklich ist.
Also ein rundum faszinierender Roman, dessen Geschichte die eine oder andere Länge hat und den ich auch nicht immer wirklich en détail verstanden habe, der aber lange in mir nachhallt…